Sie sind um die 100 Jahre alt und haben politische und gesellschaftliche Umbrüche in einer Anzahl und einem Ausmaß miterlebt, wie es für viele heute kaum vorstellbar ist: Hineingeboren in die "Goldenen Zwanziger" erlebten sie als Kinder die Weltwirtschaftskrise, die Machtübernahme der Nationalsozialisten - und gehören heute der letzten Generation an, die noch von der NS-Zeit und dem zweiten Weltkrieg erzählen kann. Auf den Bombenkrieg folgte ein Leben unter Besatzungsmächten. Auf Jahrzehnte der Deutschen Teilung schließlich die Wiedervereinigung. Wie haben sie diese Umbrüche erlebt? Und wie blicken sie auf die Herausforderungen der heutigen Zeit?
Für den NDR sind acht weitere Frauen und Männer aus Norddeutschland tief in ihre Erinnerungen eingetaucht, haben ihre Fotoalben geöffnet - und erzählen spannend und bewegend aus den rund 100 Jahren ihres Lebens.
Wilhelm Schniedering: "Ich weiß gar nicht, wovon wir gelebt haben"
Stand: 09.01.2023 05:00 Uhr
Wilhelm Schniedering, Jahrgang 1922, hat schon als Kind hart gearbeitet. Krieg und Gefangenschaft übersteht er mit "heiler Haut". Im Dezember ist Wilhelm Schniedering im Alter von 100 Jahren gestorben. Davor hat er dem NDR noch seine Geschichte erzählt.
Bodenständig und heimatverbunden: Wilhelm Schniedering hat sein ganzes Leben bei Melle im Landkreis Osnabrück verbracht - und schon früh gelernt, was Knochenarbeit bedeutet. Als Kind half er in der elterlichen Landwirtschaft mit. In seiner Ausbildung zum Dreher wurde er 1938 Teil der Kriegswirtschaft und musste Granaten produzieren. Als Soldat war Wilhelm Schniedering bei der Flugabwehr der Marine in Griechenland stationiert, bis er und seine Kameraden den Rückzug antreten mussten. Auf dem Weg in Richtung Norden litt er Hunger und geriet kurz vor Kriegsende in Genua in Kriegsgefangenschaft. "Wenn man mit einigermaßen heiler Haut da rausgekommen ist, muss man zufrieden sein", sagt er in der NDR Dokumentation "Ein Jahrhundertleben".
Eckhardt Erbguth: Eine Bombe für Hitler im Marschgepäck
Mehrfach entgeht Eckhardt Erbguth in seinen 99 Lebensjahren nur knapp dem Tod. Als Soldat gerät er unwissentlich in einen Attentatsversuch auf Hitler. 40 Jahre nach seiner Flucht aus der DDR findet er zurück in Mecklenburg Erfüllung in der Kunst. Ein Jahrhundertleben.
Als zweites von vier Kindern wird Eckhardt Erbguth am 7. März 1923 in Züsow bei Neukloster in Mecklenburg geboren. Mit seinen Geschwistern wächst er in einem abgelegenen Idyll zwischen Wäldern und Seen auf. 1930 zieht die Familie nach einigen Jahren in Wendisch-Waren bei Goldberg nach Turloff auf einen Forsthof. Der Vater ist Förster und betreut ein großes Revier mit 150 Morgen Land. "Das war für uns eine herrliche Umgebung. Wir konnten machen, was wir wollten, wir mussten nur zum Essen pünktlich sein", erinnert sich Erbguth in der NDR Dokumentation "Ein Jahrhundertleben". Die Kinder spielen meist im Wald oder angeln in einem nahegelegenen See. "Wir hatten unsere Freiheit. Und das erlebe ich heute noch innerlich."
Gerda Gidl: "Hinnehmen, was kommt - und das Beste draus machen" Stand: 07.01.2023 05:00 Uhr
Gerda Gidl, Jahrgang 1923, ist das älteste aktive Mitglied des THW Kiel. Sie blickt zurück auf ein Jahrhundertleben voll mit Sport und Engagement für die Familie. Bis Corona kam, war die Kielerin so aktiv, dass sie ihr hohes Alter kaum bemerkte.
Gerda Gidl war zuerst Dänin, ab 1932 Deutsche und ab 1948 Österreicherin. Das ist ihr aber alles nicht so wichtig. Dass sie bereits seit 1930 Mitglied beim THW Kiel ist, sicherlich schon eher. Denn Sport ist die Konstante im Leben der 99-Jährigen, die die meiste Zeit ihres Lebens in Kiel verbracht hat und auch heute noch dort wohnt. In der NS-Zeit spielte sie Handball auf Spitzenniveau, in den 70er-Jahren gründete sie mit ehemaligen THW-Profis wie Fritz Westheider, Fritz Weßling, Herbert Rohwer eine Volleyball-Freizeitmannschaft. Später entschied sich sich gegen ein ruhiges Rentner-Dasein, schmiss den Haushalt ihres Sohnes und zog ihre zwei Enkelkinder mit groß. Heute ist sie stolze Uroma, macht sich wegen der Klimakrise aber auch Sorgen um die Zukunft ihrer Urenkel, wie sie in der NDR Dokumentation "Ein Jahrhundertleben" erzählt.
Hans Helmut Killinger: "Ich kam raus, mein Vater nicht"
Bei Rostock erlebt Hans Helmut Killinger, 96 Jahre alt, eine unbeschwerte Kindheit in einer Unternehmerfamilie - bis der Krieg sie auseinanderreißt. In Hamburg findet Killinger neues Glück. Rückblick auf ein Jahrhundertleben.
Gerda Borck: "Wie weiterleben nach solchen Schandtaten?"
Gerda Borck, Jahrgang 1920, überlebt Luftangriffe auf Dresden und ihre Heimatstadt Hagen. Nach dem Krieg zieht ihre Familie nach Bremen. Als sie sich mit dem Holocaust und Auschwitz auseinandersetzt, bricht für sie eine Welt zusammen. Ein Jahrhundertleben.
Ingrid Haerder: "Der Himmel war schwarz, es brannte alles" Stand: 08.02.2023 11:40 Uhr
Das Leben von Ingrid Haerder war voller Höhen und Tiefen. Im Zweiten Weltkrieg erlebte sie den Feuersturm auf Hamburg. Dann kam das Wirtschaftswunder. Im Januar ist sie im Alter von 97 Jahren gestorben. Davor hat sie dem NDR noch ihre Geschichte erzählt.
Wilhelm Simonsohn, Jahrgang 1919, erlebt als Adoptivkind ein besonderes Schicksal. Im Zweiten Weltkrieg überlebt er einen Flugzeugabsturz. Heute ist er froh, in einem freien demokratischen Land zu leben. Ein Jahrhundertleben in Hamburg.
Wilhelm Simonsohn kann auf 102 Jahre bewegtes Leben zurückblicken, mit schweren und glücklichen Momenten: Seine ersten Monate lebt er in einem Waisenhaus, bis ihn die Simonsohns aufnehmen. Er wird "verkuppelt" in einem ganz positiven Sinne, wie er die Adoption rückblickend beschreibt. Als Luftwaffen-Pilot im Zweiten Weltkrieg schwört er sich, keine Bomben auf Siedlungen zu werfen. Später ist er dankbar über die Bereicherung seines Lebens durch seine Frau. Ihr Tod nach 60 gemeinsamen Jahren trifft Simonsohn hart. Aber er bleibt aktiv - bis 2019 tritt er noch regelmäßig als Zeitzeuge an Schulen auf und setzt sich unermüdlich für Demokratie und Pazifismus ein. "Wir brauchen keine Panzer", erzählt er dem NDR für die Dokumentation "Jahrhundertleben". "Was wir brauchen, sind Gerätschaften, die Panzer vernichten."